Autoranportrait: Takis Würger

geschrieben von Claudia Werning:

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Hat er? Oder hat er nicht?
Neugierig wie ich bin, gilt mein erster Blick nicht nur den lebhaften Augen und dem Wuschelkopf, sondern auch…den Schuhen! Frau könnte ihn ja so gut verstehen!
Er muss schmunzeln, als ich ihn auf seine Reportage anspreche, die er vor Jahren über eine deutsche Schuhmacherin in Florenz geschrieben hat. Für einen kurzen Moment sei er tatsächlich versucht gewesen, sich ebenfalls ein paar Schuhe maßanfertigen zu lassen. „Aber ich komme so selten nach Florenz“, lacht er. Und schon sind wir mitten drin in der Geschichte über Takis Würger.

Was ist das für ein Typ, der einmal zu den 30 besten Journalisten unter 30 gehörte, schon mit seinem Debut „Der Club“ einen Überraschungserfolg landete und mit „Stella“ den Literaturbetrieb aufwirbelte wie selten zuvor ein Schriftsteller?
Auf jeden Fall jemand, der allein schon durch seine Größe auffällt. Knapp zwei Meter sind nun mal beim besten Willen nicht zu übersehen – aber auch nicht sein Talent, schnell jemanden für sich einzunehmen. Hier ein nettes Wort zur Bedienung, da ein flüchtiges Kompliment an die vorübereilende Dame im auffallend lindgrünen Hosenanzug. Und immer ein gewinnendes Lächeln für die Leute ringsherum.

Die Frage, was Luxus generell für Takis Würger bedeutet, liegt nach diesem Einstieg auf der Hand. Verabredet waren wir eigentlich im Luisenhof. Doch statt in den Plüschsesseln des einzigen Fünf-Sterne-Hotels in Hannover zu sitzen, hocken wir bei strahlendem Wetter mit einem Kaffee auf der Hand auf der Mauer vor dem Theater – nur der Käsekuchen fehlt. „Luxus“, der 36-Jährige überlegt einen kurzen Moment, „Luxus ist, Meister des eigenen Lebens sein zu können.“
Also beispielsweise während der Coronapandemie wochenlang in Portugal abtauchen zu können. Allein am Meer, um am neuen Roman zu schreiben (kommt im nächsten Herbst, spielt im Hudson Valley und hat mit Champagner zu tun) und seiner Surfleidenschaft nachzugehen.
Dass er privilegiert ist und viele Menschen nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen, hat Takis Würger schon früh festgestellt. Aufgewachsen am Deister mit zwei Geschwistern, einem Vater als Journalisten und einer Mutter als Sozialarbeiterin, arbeitete er nach dem Abitur erst mal bei einem Entwicklungshilfeprojekt in Peru. Ein Volontariat bei der Münchner Abendzeitung und der Besuch der Henri-Nannen-Schule waren weitere Stationen, ehe er beim Spiegel landete – jenem streitbaren Magazin, das den ambitionierten jungen Mann schon bald um den halben Erdball schickte und ihm heute jene Freiheiten einräumt, die es fürs Bücherschreiben braucht.
Kaum ein Krisengebiet, das der Journalist nicht bereist hat. Eindringlich schildert er das Elend der Rohingya, die brutal aus Burma vertrieben wurden, den unbändigen Freiheitswillen der ukrainischen Rebellen oder die verfahrene Situation deutscher Soldaten in Afghanistan. Als ich seine Reportage über das verlorene Bataillon lese, für die er den Reporterpreis erhielt, läuft es mir eiskalt den Rücken herunter. „Wen, um Himmels willen, haben wir dort hingeschickt?“, lautet meine bange Frage. Und schon hat die Reportage ihren Zweck erfüllt. Dass Berichte die Welt verändern können, diese naive Hoffnung hat Würger nicht. Aber dass er damit etwas Sinnvolles tut, schon. „Ich möchte etwas sichtbar machen; schreiben, was los ist.“
Kalt gelassen hat das den mehrfach ausgezeichneten Reporter alles nicht. Zumal nüchterne Zahlen alleine auch nicht annähernd das Leid der Betroffenen vermitteln: „Spricht man mit der Mutter eines in Afghanistan umgekommenen Soldaten, begreift man schnell, dass 60 tote Soldaten 60 zu viel sind.“
Es mögen diese Erfahrungen gewesen sein, die den jungen Mann dazu bewogen haben, 2014 ein Sabbatical einzulegen und in Cambridge ein Studium der Ideengeschichte zu beginnen. Was ihn wiederum zu dem Buch inspirierte, das ihn quasi über Nacht bekannt machte: „Der Club“. Es war nicht das Feuilleton, das dem Roman über “geheime Studentenclubs, mörderisches Boxen und freizügige Erotik“ zu seinem großen Erfolg verhalf, sondern wir Buchhändler, denen die Geschichte um den aus einfachen Verhältnissen stammenden Hans so gut gefiel, dass sie die Bestsellerliste erklomm und mit dem Silberschweinpreis des Debütantenpreises der lit.cologne ausgezeichnet wurde.
Und wie fühlt sich so ein überraschender Erfolg an? Würger erzählt von einem Wechselbad der Gefühle, in das ihn vor allem die nachfolgenden Lesereisen stürzten: „Es ist ein großes Geschenk, man wird gewissermaßen mit Energie aufgeladen, wenn man vor so vielen Zuhörern sitzt.“ Aber er erinnert sich auch an die nur schwer erträgliche Leere, die aufkam, wenn die Lichter ausgingen. Und kein Abend verliefe wie der andere. 600 Zuhörer an dem einen Tag und an dem nächsten nur ein Pärchen. Da zweifle man an sich selbst: „Ein Schriftsteller, dem nicht zugehört wird, sollte sich fragen, ob er den richtigen Beruf hat.“

Und dann kam… „Stella“!!!
Erschienen im renommierten Hanser Verlag, der literarischen Heimat so vieler Nobelpreisträger. Angelehnt an die wahre Figur der Jüdin Stella Goldschlag, die während des Zweiten Weltkrieges ihre eigenen Leute reihenweise denunzierte, erzählt Würger darin eine fiktive Liebesgeschichte – unterfüttert mit realen Gerichtsakten eines sowjetischen Militärtribunals. Was folgte, war ein Sturm der Entrüstung, der den Literaturbetrieb in zwei ungleich große Lager spaltete. Es hagelte Verrisse was das Zeug hielt; Häme wurde kübelweise über den Autor ausgeschüttet. Von Schund war die Rede, von Holocaust-Kitsch und Nazischnurre. Kurzum, das Feuilleton – auch ich empfand das damals so – spielte sich auf als „Schwellenhüter der Kultur“. Letztendlich mündete die Kritik in der Frage: „Darf man so etwas schreiben?“
Als ehemaliger Boxer, der sich mehrfach die Rippen gebrochen hat, weiß Würger um die Wucht von Kinnhaken und Schlägen unter die Gürtellinie. Aber als Schriftsteller war ihm die Heftigkeit dieser Anwürfe fremd. „Literatur sollte nicht den Anspruch haben, der Kritik aus dem Weg zu gehen“, ist der 36-Jährige nach wie vor überzeugt. „Aber weh getan hat es trotzdem.“ Und natürlich hätte er das lieber nicht erlebt. Um in der Boxersprache zu bleiben: Würger war angezählt, zu Boden ging er nicht. „Die kriegen mich nicht kaputt“, hat er sich im Stillen gedacht. Und war wiederum den Buchhändlern dankbar, die ihm den Rücken stärkten und sich in einem Brandbrief ans Feuilleton jegliche Bevormundung durch die Kritiker verbaten. Vergessen hat er ihnen das bis heute nicht.
Man hätte meinen können, dass ein gebranntes Kind das Wasser nicht scheut. Aber als „Stella“ erschien, war der nächste Roman schon fertig – „Noah“, die Geschichte eines KZ-Überlebenden. Wieder Drittes Reich und wieder nicht allzu freundlich von den Kritikern aufgenommen – unterstellte man Würger doch, sich mit fremden Federn zu schmücken und längst Bekanntes nur zu wiederholen.
An dieser Stelle wird der Schriftsteller aufbrausend – alle Freundlichkeit ist aus seinem Gesicht verschwunden. Noah Klieger selbst sei es gewesen, so Würger heftig, der ihn gebeten habe, seine Lebensgeschichte aufzuschreiben und somit für die Nachwelt festzuhalten: „Was für ein Versager wäre ich gewesen, wenn ich abgelehnt hätte? Wenn ich die Geschichte nicht geschrieben hätte, gäbe es sie nicht!“ Denn Noahs Autobiographie sei selbst antiquarisch nicht mehr zu haben, auch der kleine Verlag, in dem sie erschien, existiere nicht mehr.
Dass Noah ihm, dem Nachfahren von Tätern, so viel Vertrauen entgegenbrachte und ihn als Gast in sein Haus einlud, berührt Würger sichtlich. Die wochenlangen Gespräche mit dem hochbetagten, mittlerweile verstorbenen Mann in einem kleinen Café in Tel Aviv empfindet er deshalb zweifelsohne als ein besonders kostbares Geschenk.

Heute hier, morgen dort … Fühlt sich Takis Würger eigentlich irgendwo zuhause? In Berlin vielleicht, wo er zusammen mit seinem Bruder eine Wohnung teilt und gerne Zitronenrisotto kocht oder Pfannkuchen backt?
Heimat ist für ihn weniger ein Ort, es sind vor allem die Menschen, an denen er hängt. An seiner Mutter beispielsweise, der „besten Lektorin der Welt“, die ihn mittlerweile auf vielen Reisen begleitet und bei der auch das oben erwähnte Silberschweinchen steht. Und selbst für den Vielgereisten gibt es noch Sehnsuchtsorte. Tel Aviv sei so einer. Und der Deister, wo er jeden Bordstein und jeden zweiten Baum kenne.
Schreiben ist aber nur eine von vielen Passionen des Takis Würger. Wenn er nicht gerade zu amerikanischer Hip-Hop-Musik Sport treibt, tauscht er sich gerne mit Kollegen aus. So mit Daniel Kehlmann oder Benedict Wells, den er bewundert. Oder mit Isabell Bogdan („Der Pfau“) oder Sylvia Madsack („Enriettas Erbe“), deren Lesung er später am Abend souverän und launig moderieren würde. (Anm.: Als dieser Text verfasst wurde)
Woher der Kerl die Zeit nimmt, auch noch so unfassbar viel zu lesen, ist mir ein Rätsel. Für uns hat er gleich drei Empfehlungen parat: “Zweier ohne” von Dirk Kurbjuweit, „Sharp Objects“ von Gillian Flynn und „Three Women“ von Lisa Taddeo. Dafür lege ich ihm zwei meiner Lieblingsbücher auf den Stapel: „Blutsbrüder“ von Ernst Haffner und „Herzband“ von Günther Butkus.
Demnächst könnte ein weiterer Traum des Tausendsassas wahr werden – eine Serie über Noah Klieger.
Herzensprojekt.
Die Verhandlungen mit einem Filmstudio laufen derzeit noch.
Zurück zur Eingangsfrage. Was für ein Typ ist Takis Würger denn nun? Einer, der im besten Sinn des Wortes selbstbewusst ist, ohne überheblich zu sein, höflich und zuvorkommend. Einer, der keine zehn Minuten bräuchte, um mit wildfremden Menschen nonchalant ins Gespräch zu kommen und daraus gleich Ideen für drei neue Bücher zu ziehen. Ein nahbarer Autor, dessen E-Mail-Adresse mit der Bitte um Kritik und Anregungen am Ende jeden Buches steht…

Ich habe keinen Zweifel daran, dass sein Wunsch, alles möge noch ein bisschen so weiter gehen, in Erfüllung geht.

(P. S.: Takis hat keine griechischen Vorfahren. Sein Vater fand Gefallen an dem Namen, als er einen griechischen Sänger hörte. Takis selbst ist Musicalfan und mag Disneysongs!)

Buchhändlerin Claudia Werning

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