Plätzchenmord

von Florian Bähr

Teil I

„Dat is aber auch wieder ‘ne Schweinskälte“, murrte Kommissar Volker Beck und zog seinen Schal enger. Sein Atem bildete eine weiße Dunstwolke, die von den dicken Schneeflocken zerpflückt wurde.
„Nun beschwer dich mal nicht. Sei froh, dass wir überhaupt mal wieder richtigen Schnee haben“, hielt seine Kollegin Elke Sanders dagegen.
Sie freute sich über den Winter und ging leichten Schrittes über den Alten Markt. Es knarzte vernehmlich unter ihren dicken Winterstiefeln. Seit drei Tagen schneite es nun schon dicke Flocken, überall sammelten sie sich. An den Straßenrändern türmten sich Berge auf. Über die geschlossenen Buden des Weihnachtsmarktes hatte sich eine glitzernde Decke gelegt. Gestern Abend erst ist sie mit Freunden hier gewesen und hat Glühwein getrunken. Da konnte sie noch nicht ahnen, dass sie schon am Morgen wieder hier sein würde. Sie umrundeten den großen Weihnachtsbaum im Zentrum des Platzes und hielten auf den Ausgang in Richtung Gehrenbergstraße zu. Dort auf der Ecke warteten schon die Kollegen der Citywache.
„Moin Elke“, begrüßte der füllige Kollege sie.
„Hallo Hartmut“, lächelte sie ihn an. Während ihrer frühen Jahre bei der Polizei war sie mit ihm zusammen durch die Stadt patrouilliert.
„Na, was haben wir hier?“
„Eine Tote. Tanja Meise, die Besitzerin des Stands.“ Er zeigte auf die Bude. Tanjas Butterspekulatius, prangte in großen Lettern an der Front. Jeder Buchstabe war durch einen verzierten Keks dargestellt.
„Oh, gestern Abend habe ich mir hier noch eine Tüte gekauft“, sagte Elke betreten. Einmal mehr wurde ihr die Unvorhersehbarkeit des Lebens bewusst.
„Ich kannte sie auch. Kam ja schließlich jedes Jahr mit ihrem Stand hierher. War immer nett und freundlich. Wenn ich hier zufällig auf meiner Runde vorbeikam, hatte sie stets eine Kostprobe für mich.“ Elke verkniff sich ein Lachen. Sie kannte Hartmut nur zu gut, er war ein gemütlicher Mensch mit eingefahrenen Gewohnheiten. In den drei Jahren die sie zusammen unterwegs waren, liefen sie stets den gleichen Weg. Vermutlich tauchte er jeden Tag zur exakt gleichen Zeit an dem Stand auf und holte sich seine Leckereien.
Hartmut führte sie um die Bude herum, vor der Hintertür lag die Tote im Schnee. Es sah aus, als sei ihr Kopf auf ein rotes Samtkissen gebettet. Die grünen Augen starrten zu ihnen hinauf, das Gesicht war aschfahl, die Lippen blau verfärbt.
„So habt ihr sie gefunden?“, schaltete Beck sich ein.
„Ja, mein Adjutant hier“, er wies auf den jungen Mann neben sich. Ein Frischling von der Polizeihochschule, genau wie Elke einst. Der Deutschtürke wirkte gefasst, aber sein Blick huschte immer wieder zu der Toten. Es handelte sich wohl um seine erste Leiche.
„Yussuf wollte zur Wiederbelebung ansetzen, aber der Zustand der Dame deutet eindeutig darauf hin, dass sie schon ein paar Stunden hier liegt. Darum habe ich ihn zurückgepfiffen. Bringt ja nichts, wenn wir der Spurensicherung die Arbeit erschweren. Die habe ich übrigens schon verständigt. Die können uns mit Sicherheit mehr zur Ursache sagen.“
„Ich tippe auf Hitzschlag“, bemerkte Beck bissig.
Elke ignorierte ihn. Ihr Kollege war ohnehin ein mürrischer Zeitgenosse, doch seit er vor einer Woche mit dem Rauchen aufgehört hatte, war er fast unausstehlich.
„Der Schlüssel steckt von außen in der Tür, vermutlich wollte sie gerade abschließen. Allerdings sehe ich keine Handtasche.“
„Denken Sie, dass die gestohlen wurde?“, fragte Yussuf.
Elke lächelte ihn an: „Möglich wäre es. Es ist zumindest ungewöhnlich, dass sie keine dabei hat. Mit Sicherheit können wir das jedoch erst sagen, wenn wir in der Hütte waren und die Spurensicherung nach den Wertsachen gesehen hat. Wenn die nichts finden, sollten wir davon ausgehen.“
Beck besah sich die Umgebung der Leiche.
„Dummer Schnee. Ich kann keine Kampfspuren erkennen. Ich kann auch sonst nichts erkennen. Es muss ja auch durchgehend schneien“, grummelte er vor sich hin.
„Na Sie haben ja eine Laune Beck. Hatten Sie noch keinen Kaffee heute Morgen? Oder schlimmer, noch keine Kippe?“ Beck warf Hartmut einen finsteren Blick zu.
„Vorsicht, wunder Punkt“, warnte Elke ihn und wechselte schnell das Thema. „Ist gestern Abend irgendetwas ungewöhnlich gewesen?“
Hartmut zuckte mit den Schultern: „Nicht, dass ich wüsste. War eigentlich alles so wie immer.“
„Bis auf Freddie“, warf sein Adjutant ein.
„Freddie?“
„Der Freddie. Du weißt ja, er fällt immer noch regelmäßig durch Taschen- und Ladendiebstähle auf. Er wird auch immer wieder dafür verknackt, aber er kann’s halt nicht lassen. Jedenfalls lungerte der hier gestern Abend wieder rum. Sah ein wenig nervös aus. Dachte mir schon, dass er wieder ein krummes Ding am Laufen hat. Also sind wir zu ihm hin und haben ihn ausgehorcht, aber da war nichts weiter verdächtig. Meinte, er warte auf ‘nen Kumpel, mit dem er eine, wie er sagte, ‘bahnbrechende Geschäftsidee’ besprechen wollte. Hab versucht mehr aus ihm rauszubekommen, aber der ließ sich nicht in die Karten schauen. Wenn er will, kann er ein ganz schön schlaues Kerlchen sein.“
„Behalten wir das erst einmal im Hinterkopf. Solange der Bericht der Gerichtsmedizin und der Spurensicherung nicht vorliegt, können wir ohnehin nichts machen. Sperrt hier ab und gebt uns Bescheid, wenn alles geregelt ist.“

Einige Zeit später saßen Elke und Beck in ihrem Büro in der Hansestraße und diskutierten die neusten Erkenntnisse des Falls. Die Spurensicherung hatte unter dem Schnee neben dem Kopf der Leiche einen blutigen Stein gefunden. Dieser passte zu der Wunde am Hinterkopf der Frau. Allerdings konnte nicht festgestellt werden, ob es sich um eine Gewalttat oder einen Unfall handelte. Es sei möglich, dass Frau Meise ausgerutscht und mit dem Kopf auf den Stein geschlagen war.
„Gegen einen Unfall spricht, dass ihre Handtasche fehlte. Ihre Kollegin, die so gegen 22 Uhr Feierabend gemacht hat, gab an, dass Frau Meise immer eine braune Lederhandtasche bei sich trug. Die Einnahmen des Tages sind ebenso verschwunden wie die Handtasche, vermutlich waren es mehr als 1000 €“, erklärte Elke.
„Da hätten wir zweifelsohne ein gutes Motiv. Jemand will ihr die Einnahmen stehlen, sie wehrt sich und der Täter schlägt zu. Danach verschwindet er mit der Handtasche“, schlussfolgerte Beck. Hier im warmen Büro bei heißem Kaffee war er deutlich umgänglicher.
„Aber für so einen Betrag einen Mord begehen? Das scheint mir übertrieben. Weiß ja schließlich jeder, dass in so einer Bude keine Unsummen zusammenkommen.“
„Naja, noch wissen wir ja nichts Genaues. Erstmal sollten wir schauen, ob es Zeugen gibt. Es müssen zu der Zeit ja noch andere Budenbesitzer auf dem Alten Markt gewesen sein. Wenn es einen Kampf gab, dann sollte das jemand gehört haben. Auf jeden Fall sollten wir Freddie einmal befragen. Nur ein wenig auf den Busch klopfen. Der ist schließlich immer klamm, weil er sein ganzes Geld in der Spielhalle verzockt. Für den wäre das eine Menge Geld.“

Der Weihnachtsmarkt öffnete schon am Nachmittag wieder seine Pforten. Lediglich Tanjas Butterspekulatius blieb zu. Die Hütte war mit Flatterband abgesperrt worden, ein Beamter stand daneben und passte auf, dass niemand den Tatort betrat. Mit säuerlicher Miene wies er alle fragenden Passanten ab und erklärte ihnen, er könne zum derzeitigen Zeitpunkt keine Auskünfte geben. Elke versuchte sich den ohnehin schon mies gelaunten Beck an dessen Stelle vorzustellen und musste ein Lachen unterdrücken. Ihr Kollege bemerkte ihren amüsierten Gesichtsausdruck. Fragend hob er eine Augenbraue, doch sie winkte bloß ab. Solange er auf Nikotinentzug war, sollte sie ihn nicht unnötig reizen. Sie gingen zu dem Beamten hinüber, plauderten einen Moment mit ihm und betraten dann die Bude. Drinnen roch es nach Keksen, Schokolade und einem Hauch von Lavendel. Aufmerksam sahen sie sich um, konnten jedoch nichts Auffälliges entdecken. In den Auslagen lagen noch Kekse, in den Regalen hinter ihnen und unter der Theke standen weitere Kartons mit Leckereien. Die Metallkassette, in der Frau Meise das Geld aufbewahrt hatte, war nicht zu finden. Es gab keine Anzeichen dafür, dass der Täter die Bude betreten hatte. Sie verließen die Hütte wieder und setzten ihren Weg über den Weihnachtsmarkt fort.
Sie hatten schon die Hälfte der Budenbesitzer befragt, doch keiner hatte etwas gesehen oder gehört. Stattdessen berichteten einige etwas anderes Interessantes: vor wenigen Tagen hatte es einen heftigen Streit zwischen Frau Meise und einem anderen Besitzer gegeben. Manfred Maler, Besitzer von Malers Mandeltraum war wohl schon seit mehreren Jahren eifersüchtig auf den Standplatz von Frau Meise. Dieser lag zwischen der Gehrenbergstraße und dem Alten Markt so günstig, dass beinahe alle Besucher zwangsläufig an ihrer Bude vorbeikamen.
„Auch das ist ein gutes Motiv“, stellte Elke fest. Sie stand mit Beck an einer Glühweinbude im Zentrum des Platzes und wärmte sich die kalten Finger an einer dampfenden Tasse Kaffee. Da sie offiziell noch im Dienst waren, musste der Glühwein warten.
„Dann ging es hier gar nicht um die Einnahmen des Tages, sondern die gesamten Einnahmen. Die Tageskasse war dann nur ein willkommener Bonus.“
Sie waren zufrieden mit ihren bisherigen Ergebnissen. Es war keine zwölf Stunden her, dass die Tote gefunden worden war, und es gab schon zwei Verdächtige. Von Maler hielten die Kommissare sich bisher mit Absicht fern. Sie wollten zuerst so viele Informationen über ihn sammeln wie möglich. Da seine Bude weiter hinten in der Gehrenbergstraße, vor dem H&M stand, bestand die Hoffnung, dass er von den Befragungen noch nichts mitbekommen hatte.
Elke nippte gerade an ihrem Kaffee und ließ ihren Blick über die bummelnden Besucher schweifen, da entdeckte sie ein vertrautes Gesicht in der Menge. „Freddie“, bemerkte sie sofort zu Beck, da kreuzte der Blick des Taschendiebs ihren. Seine Reaktion erfolgte prompt und unerwartet. Er rannte.
„Was zum …?!“, stieß Elke hervor, warf ihren Kaffee beiseite und machte sich an die Verfolgung. Beck brauchte nur einen Moment länger, bis er begriff, dann heftete er sich an die Fersen seiner Kollegin.
„Polizei! Platz da!“, schrie Elke, doch da die beiden Beamten in Zivil unterwegs waren, wurden sie von den Passanten kaum wahrgenommen. Sie drängten sich durch die Menge und sahen gerade noch, wie Freddie in seiner roten Winterjacke in der Bäckerstraße verschwand. Sie nahmen langsam Fahrt auf, mussten aber immer wieder Passanten ausweichen. Das gestaltete sich auf dem glatten, schneebedeckten Boden jedoch äußerst schwierig, immer wieder rutschten sie weg oder verloren kurzzeitig die Balance. Jedes Mal gingen wertvolle Sekunden verloren, während sie versuchten wieder in den Tritt zu kommen. Glücklicherweise schien es Freddie nicht anders zu gehen. Er hatte gut hundert Meter Vorsprung und kam häufig auch nicht vom Fleck.
Schon bald schwitzte Elke in ihrem dicken, marineblauen Wintermantel. Im Lauf wurden Schal und Mütze vom Kopf gerissen und notdürftig in die Manteltasche gestopft. Seine Flucht kommt ja schon einem Schuldeingeständnis gleich, dachte sie.
Die Jagd verlief durch mehrere Straßen, Beck fiel immer weiter zurück. Das Kettenrauchen vergaß der Körper nicht so schnell. Elke schaffte es, dranzubleiben und den Abstand langsam aber sicher zu verringern. An der Unterführung zum Bahnhof war schließlich Schluss. Freddie rutschte im Schnee die Schräge hinab und kam nicht wieder hoch. Mit schmerzverzerrtem Gesicht hielt er sich die Seite, als Elke keuchend neben ihm zum Stehen kam. Gott sei Dank, dachte sie. Völlig außer Atem, die Arme auf die Knie gestützt, schaute Elke ihn an. Ihr Gesicht war knallrot, nicht nur von der Anstrengung. Zornig fuhr sie ihn an:
„Mensch Freddie. Du solltest doch inzwischen gelernt haben, dass Weglaufen keinen Sinn hat. Früher oder später kriegen wir dich doch eh. Also, was soll die Scheiße?“
„Ich … Ich brauche einen Notarzt! Ich glaube ich habe einen Herzinfarkt“, stöhnte er.
„Papperlapapp. Du brauchst weder einen Notarzt, noch hast du einen Herzinfarkt. Seitenstiche hast du, mehr nicht! Und jetzt komm hoch. Wag es ja nicht, wieder wegzulaufen!“
Beck kam um die Ecke getrabt, als Freddie sich gerade aufrichtete.
„Was wollt ihr überhaupt von mir? Ich habe gar nichts getan“, beteuerte er.
„Ach so. Du hast dich also nur spontan entschieden eine Runde zu joggen, als du uns gesehen hast?“, fragte Beck mit säuerlichem Humor. „Hör auf uns zu verarschen, das zieht nicht. Eigentlich wollten wir dir nur ein paar Fragen stellen, aber ich denke, jetzt können wir dich gleich verhaften.“
„Verhaften? Wieso? Weshalb? Wofür wollt ihr mich verhaften?“
„Für den Mord an Tanja Meise natürlich“, stellte Beck trocken fest.
Freddies Augen weiteten sich. „Welcher Mord? Ich weiß nichts von einem Mord, das müsst ihr mir glauben!“, protestierte er.
„Jaja, genauso wie du noch nie geklaut hast, oder nur zum Spaß vor uns wegrennst. Spar dir die Ausflüchte.“ Sie ignorierten seinen weiteren Protest sowie die vehementen Unschuldsbeteuerungen und legten ihm Handschellen an.

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  • Plätzchenmord: www.pixabay.com

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