Im Karpfenteich … mit Alexander Häusser

Ein Beitrag von Claudia Werning

Zu groß war die Nachfrage, als dass auch der letzte Tisch hätte noch zum Zuge kommen können. Dabei war das Objekt der Begierde eher klein und unscheinbar – eine Handvoll schnöder Karpfenschuppen. Verwunderlich? Keineswegs – wenn man den Aberglauben für bare Münze nimmt, dass eine Fischschuppe im Portemonnaie für einen stets gefüllten Geldbeutel sorgt.

Aber auch wer leer ausging an diesem trüben Sonntagnachmittag, musste sich nicht grämen. Die anschließend vorgetragenen Texte und Musikeinlagen und die wunderschönen von Maren Schumann gestalteten Postkarten boten reichlich Entschädigung.

Zum 34. Mal hatte der Hamburger Schriftsteller und Pendragon-Autor Alexander Häusser zum Fischen im „Karpfenteich“ eingeladen und konnte dabei gleich mit drei Premieren aufwarten – neuer Veranstaltungsort in Eimsbüttel, erster gemeinsamer Auftritt des Musikduos TNT und eine erste Kostprobe aus seinem bald erscheinenden Roman „Kurze Tage des Glücks“.

Acht Jahre ist es jetzt her, dass der gebürtige Schwabe nach einem Format suchte, das Literatur und Musik, Theater und Film gleichermaßen einen Raum gibt. Aus dem anfänglichen Titel „Des Menschen Willen und der Karpfenteich“, der einem Wortspiel seiner Söhne zu verdanken war, wurde mittlerweile schlicht der „Karpfenteich“ – ein Sammelbecken für professionelle Künstler und Künstlerinnen sowie Talente jeden Alters.

Und genau das ist es, was den Karpfenteich so besonders macht. „Lesebühnen gibt es genug“, erklärt der 65-jährige, „aber sie werden immer von den gleichen Leuten bespielt.“ Häusser ist sich sicher, dass sich das klassische Format überlebt habe und nur noch mit Prominenten funktioniere. Ihm geht es um neue Formen der Literaturvermittlung und vor allen Dingen um ein niedrigschwelliges Angebot – sowohl für die Schreibenden selbst als auch für das Publikum. Genau deshalb braucht der Karpfenteich auch keinen großen Theatersaal – er lebt von der geradezu intimen Atmosphäre der kleinen Cafés, in denen er sein Gastspiel gibt.

Alexander Häusser (rechts) ist der Begründer des Karpfenteichs

Alexander Häusser (rechts) ist der Begründer des Karpfenteichs

Das Konzept, das ohne jegliche Förderung auskommen muss, geht auf. An die hundert Autoren und Autorinnen tummeln sich mittlerweile im Teich und geben etwa alle zwei Monate Gedichte und Kurzgeschichten zum Besten. Reiner Zufall, dass an diesem Nachmittag in dem kleinen portugiesischen Café gewissermaßen das Stammpersonal auf der offenen Lesebühne zu Gast war.

Wie beispielsweise Benjamin Burat, der quasi schon von Anfang an dabei ist und dessen jüngster Text das Publikum wegen seines ernsten Inhalts heftig schlucken ließ. Aber auch der Filmwissenschaftler Daniel Kulle gehört zu den langjährigen Begleitern, ebenso wie Stefan Esher, Stephanie Haddanger und Birgit Brömsel, die extra für den Karpfenteich neue Texte zu Papier bringt.

Premiere feierten dagegen die Musiker Timo und Tarek, die zuvor nur im Keller gemeinsam geprobt hatten und als noch namenloses Duo Kontrabass und Gitarre auspackten. Der rasch gewählte Name „TNT“ erwies sich als Programm – ihre mitreißenden Rhythmen ließen die Zuhörer sofort im Takt mitwippen.

Nicht immer greift Alexander Häusser auch selbst zum Mikrofon, um etwas aus seinem Fundus zum Besten zu geben. Welch glückliche Fügung, dass sein neuestes Buch „Kurze Tage des Glücks“ an diesem Nachmittag zwar noch nicht druckfrisch, aber zumindest druckfertig vorlag. Und natürlich nutzte er die Gelegenheit, eine Passage daraus zu zitieren. Sechs Jahre lang hatte er an diesem in den 30er Jahren spielenden Roman nach umfangreicher Recherche geschrieben. Sich an dem Stoff über eine große Liebe, über Trauer und Menschlichkeit geradezu abgearbeitet, Zeilen zu Papier gebracht und immer wieder verworfen. Und nach den richtigen Worten gesucht, bis das Buch endlich seinen Ansprüchen genügte. Ein langer, mitunter auch quälender Prozess, der den wenigsten Autoren fremd sein dürfte.

Zu eigen war ihm dabei vermutlich eine Eigenschaft, die auch dem Karpfen zugeschrieben wird. Nicht nur in der chinesischen Mythologie gilt der Fisch als Sinnbild für Stärke und Ausdauer und den unbedingten Willen, sich nicht dem Strom des Schicksals zu ergeben, sondern gegen alle Widerstände zu schwimmen.

Ende gut, alles gut? Noch nicht ganz…

Es bleibt zu hoffen, dass Alexander Häussers Begeisterung für Literatur trotz aller Schwierigkeiten auch künftig ansteckend wirkt – in den von ihm betreuten Schreibwerkstätten an den Schulen, wo Jugendliche gerade jetzt in einem schulübergreifenden Projekt damit beschäftigt sind, sich gemeinsam Geschichten über Hochhausbewohner auszudenken und in einem Buch zu veröffentlichen.

Und im Karpfenteich, seinem Herzensprojekt, damit auch junge Talente weiterhin eine Gelegenheit für öffentliche Auftritte finden. Vielleicht reicht es dann ja auch zu einem weiteren von der Künstlerin Mina Röther gestalteten „Buch zur Bühne“: „Für alle, die nach Glück fischen und Liebe angeln, die tief gründeln und ihre Netze auswerfen, um den Augenblick zu fangen.“

Pendragon

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Bildquellen

  • Das Karpfenteich-Trio: Pendragon

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