Memory

Das Vergessen rückt näher. Ich spüre es. Nebenan ist ein Mann eingezogen. Er sitzt nie auf dem Balkon. Ich sitze immer draußen, sommers wie winters. Vor ein paar Tagen habe ich ihn aus dem Wagen steigen sehen. Sein Gang, seine Gesten, obwohl gealtert, kamen mir seltsam vertraut vor. Aber ich könnte mich irren.

Ich zünde mir eine Zigarette an und huste. Einen Schluck Wodka gegen die Kälte. Dann lege ich Buchstaben aneinander. Kein Wind heute. Der Wind ist mein Feind. Er wirbelt die Worte ins Nichts und facht die Feuer an. Ich weiß nicht, ob ich noch genügend E’s habe. Mir kommt es so vor, als seien gerade die E’s abhanden gekommen. Das ist natürlich lächerlich. Wer braucht schon einzelne E’s, wenn er nicht die ganze Geschichte kennt?
Ich kenne sie, kenne sie in- und auswendig. Noch. Manchmal bin ich nicht mehr sicher, in welcher Reihenfolge sie zu erzählen ist. Vor Jahren habe ich sie bei mir getragen, immer.
Es war eine Geschichte, die ich behalten wollte. Sie handelt vom Altwerden hätte ich fast gesagt. Aber das stimmt nicht. Vom Versehrtsein handelt sie, von der Hoffnung auf Heilwerden, einer vagen Hoffnung ohne Boden. Sie war das Einzige, woran ich mich nach dem Brand noch erinnerte.

Als meine Kinder den Grund schließlich verkauften, auf dem die Ruine meines Hauses stand, nach der Atemlosigkeit und dem Schmerz im Fegefeuer der Krankenstation, nach der Erkenntnis, dass das, was von meinen Augen geblieben war, keine Tränen mehr hervorbrachte, als sie mich später, viel später in diesem Zimmer abluden, hatte ich sie immer noch. Ich flüsterte sie den Pflegerinnen zu, bis sie nicht mehr hinhörten. Die Zeit dehnte sich, dann entdeckte ich die Jahreszeiten auf dem Balkon. Seitdem sitze ich hier draußen und beobachte ihren Wandel.
Zuerst habe ich sie immer wieder gelesen, die Geschichte.
Aber eines Tages, es war im Sommer, Gluthitze dem Regen nah, habe ich eine Schere geholt und die Absätze auseinander geschnitten. Das war nicht einfach. Meine von Kontrakturen zur Klaue verkrümmte Linke gehorcht mir nicht immer. Früher war sie schön gewesen, kräftig genug, um die Brennnesseln aus der Erde zu reißen.
Ich habe die Absätze neu zusammengesetzt, aber es nützte nichts. Immer endete die Geschichte im Uferlosen. Dann habe ich die Sätze voneinander getrennt, ohne Erfolg. Auch die einzelnen Worte halfen nicht weiter. Nie wusste ich, wo ich zum Beispiel „Spazierstock“ unterbringen sollte, oder „Bandoneon“. Also teilte ich die Worte in Buchstaben. Ich sortierte, stapelte und zählte sie. Nachts, wenn ich nicht schlief, legte ich sie aneinander. Ich kannte die Geschichte.

Den Mann aus dem Nachbarzimmer habe ich heute im Speiseraum gesehen. „Guten Abend, Madame“, sagte er und starrte mir ins Gesicht. Plötzlich war da seine Stimme, nicht dunkel, eher brünett, behaglich mit einer Unklarheit, einer nachgiebigen Rauigkeit wie das Fell eines Bisams. Ich sagte nicht: „Guten Abend, Paul.“ Meine Lippen formen die Laute kaum, für die meine Stimmbänder keine Töne finden. In seinem Gesicht stand das Entsetzen, das mein Anblick in jedem Antlitz spiegelt. Ich nickte nur. Mein Lächeln ist fortgebrannt.

Ich suche ein großes E und lege es auf den Tisch. Auf dem Balkon nebenan geht das Licht an. „Guten Abend, Madame“, sagt er mit seinem Lächeln wie hinter Glas. Früher hatte ich mit einem Blick, einem Wort das Glas splittern lassen können. Das Lachen explodierte auf seinem Gesicht, das müde war von verpassten Gelegenheiten, früher schon.

„Lass gut sein, Paul“, flüstere ich.
„Verzeihen Sie, ich kann Sie nicht verstehen.“
Ich weiß, denke ich, ja, ich weiß, schreibe trotzdem auf den Block, den ich bei mir habe, und schiebe ihm den Zettel zu.
„Ich kann nicht laut sprechen“, liest er vor. „Sie können nicht laut sprechen.“ Ich nicke. Es tritt eine Pause ein. „Darf ich Sie besuchen?“
Komm. Die Tür ist offen, schreibe ich und schüttele das Kissen im Stuhl auf. Einen Moment später geht die Tür. Er kommt zu mir auf den Balkon, lässt den Mantel an und setzt sich.
„Ein Memory“, sagt er, den Blick auf meine Buchstabenhaufen gerichtet. Ja, ein Memory. Ein Geschichtenmemory.
„Es soll gut gegen das Vergessen sein.“
Ich lache auf. Ein hässliches Geräusch.
„Wissen Sie, mit dem Vergessen ist das so eine Sache. Sie haben mich hier untergebracht, weil sie meinen, dass ich nicht mehr alleine leben kann. Ich bin vergesslich, sagen sie.“
Ich nehme ein I und lege es neben das E.
„Möchtest du?“, flüstere ich und schiebe ihm mein Glas hin. Er schenkt mir das Hinter-Glas-Lächeln und trinkt. Dann nimmt er ein F und legt es vor sich, betrachtet es eine Weile und legt ein O hinzu.
„Dabei bin ich nicht vergesslich. Ich weiß noch alles. Alles, was war.“
Das S ist etwas verknittert, ich lege es trotzdem und ein F gleich daneben. Er wühlt in den Buchstabenhaufen. Wird mir alles durcheinanderbringen, denke ich. Ich fürchte um die E’s.
„Erzähl mir eine Geschichte“, sage ich.
Er blickt auf und ich kann beobachten, wie sich die Gedanken hinter seiner Stirn verwirren.
„Das habe ich schon einmal gehört“, sagt er. „Wenn ich nur wüsste …“ Er legt einen Finger zwischen die Brauen. Denk nach, Paul, denk nach.
Jetzt wieder finde ich ein E. Sein Blick wendet sich nach links, als lausche er einem Erinnerungsfetzen. Dann fährt er sich durchs Gesicht, eine hilflose Geste, die mein Inneres trifft, und legt ein L und ein U. Aber ich kann nicht aufhören. Jetzt nicht mehr, nicht nach all der Zeit. Erzähl mir eine Geschichte, schreibe ich auf den Block.
„Eine Geschichte. Ich habe lange keine mehr erzählt. Früher hatte ich viele. Ich war umgeben von Geschichten. Es waren so viele, dass ich sie aufschreiben musste. Wenn ich nur wüsste …“
Ich zünde eine zweite Kerze an und sehe, wie er zuckt, als er mir ins Gesicht schaut.
Dann glimmt ein Fünkchen in seinen Augen. „Da war einmal …“ Aber es verlischt und er legt ein R und ein E. Immer nimmt er die E’s, denke ich und suche nach einem U. Der Tisch ist voller Buchstaben, keine Stapel mehr, keine Ordnung. Er zieht ein S unterm Glas hervor.
„Fertig“, sagt er triumphierend. Ich lese. FOLURES. Endlich fertig, denke ich. Dabei ist nichts fertig. Und wenn ich FOLURES lese, wird auch nichts fertig. Ich ergattere wieder ein E, gieße einen neuen Wodka ein, proste ihm zu.
„Fertig“, sage ich. Er liest. „EISFEUER“. Erkennen lodert in seinem Blick.
„Es war kalt. Januar. Der Rauch hatte schon den Flur erreicht. Ich konnte nicht bleiben, Maria. Konnte nicht.“ Er fährt sich mit den Händen durchs Gesicht.

„Du hast es versprochen“, sage ich, aber er versteht mich nicht. Ein Windhauch löscht die Kerzen.

Ich sehe ihn. Die Nacht ist schwarz. Eisig. Ich stehe auf. Zerknüllte Laken. Draußen zerrt der Sturm an seinen Kleidern. Ich öffne das Fenster, rufe seinen Namen, aber er hört nicht. Dann nehme ich die Bögen vom Tisch, schwarze Buchstaben auf weißem Grund, sonst nichts, kann mich nicht rühren, lese. Eine Geschichte. Eine heitere Geschichte von Sonne und Meer, vom Fortgehen und Altwerden und fremden Stränden. Schließlich werfe ich einen Mantel über und gehe. Ohne Pass. Durchs Feuer.

Kurz legt er einen Finger auf meine Klaue, sagt: „Maria“, und Vergessen versiegelt sein Gesicht. Ich sehe es, während er aufsteht. „Auf Wiedersehen, Madame“, sagt er. Seine Schritte hallen. Mir scheint, er hinkt ein wenig.

Der Wind frischt auf. Ich muss meine Buchstaben zusammensammeln. FOLURES. Unschlüssig starre ich auf das Wort, warte, kann mich nicht rühren. Dann verschiebe ich die Buchstaben, ordne, verschiebe sie wieder, lese. Noch einen Schluck Wodka. Schließlich fügen sie sich meiner Rechten und ich lege UFERLOS.
Nebenan auf dem Balkon geht das Licht aus. Mir ist kalt. Ich klaube die Buchstaben zusammen und übergebe sie dem Wind. Uferlos, flüstere ich in die Nacht. Dann nehme ich den Block mit ins Zimmer und schreibe.Befriedet
Mein erstes Wort. BEFRIEDET.

Anne Kuhlmeyer

Anne Kuhlmeyer

Die Verärgerung über einen schlechten Krimi eines schwedischen Autoren, den wir an dieser Stelle nicht nennen wollen, entfachte in Anne Kuhlmeyer den Wunsch, es besser zu machen. Also belegte die Psychotherapeutin Schreibseminare und tastete sich langsam an ihre ersten Erzählungen heran. Die unterschiedlichen Lebensgeschichten, die sie in ihrer Laufbahn kennengelernt hat, helfen ihr dabei, die Figuren lebendig und realistisch auszugestalten. Für sie müssen die Figuren die Geschichte tragen können, sonst funktioniert sie nicht.
Anne Kuhlmeyer ist nicht nur fleißig, sondern auch wissbegierig, denn heute kann sie nicht einmal mehr zur Ablenkung lesen, sie liest aus Neugier auf Neues.
Anne Kuhlmeyer

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Bildquellen

  • Befriedet: Pendragon
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